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Die Dornröschenstrategie – sleeping beauty

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dornröschenstrategie

Unsere kulturelle Identität besteht fort und wird lebendig durch die Bewahrung, Pflege und Weiterentwicklung kultureller Errungenschaften. Mit der Schöpfung von Neuem geht die Erzeugung von Altem einher, von aus dem Gebrauch gefallenen Gütern. Für den Umgang mit diesen hat unsere Gesellschaft eine komplexe Erinnerungskultur entwickelt, die zum Ziel hat, Teile der Vergangenheit im Bewusstsein zu halten und gezielt zu vergegenwärtigen, andere jedoch auszusortieren. Unsere Erinnerungskultur verfügt über ein Arsenal von strategischen Vorgehensweisen, die sich mit der Aufarbeitung, Anverwandlung und Wiedereingliederung von Verbrauchtem beschäftigen. In Bezug auf die leere Stadt, also die unter Bevölkerungsrückgang leidende Stadt, hat sich gezeigt, dass der perspektivisch steigenden Menge an leeren, verbrauchten Räumen häufig nur ein begrenztes Reservoir an kreativem und ökonomischem Potential gegenübersteht und die Bewältigung dieser Räume viele Städte finanziell sowie ideell überfordert. Die Folgen dieses Missverhältnisses sind nicht nur Verwahrlosung und der Zerfall tradierter Stadtbilder, sondern auch der unwiederbringliche Verlust städtebaulicher Ressourcen.

Die Dornröschenstrategie ist eine Möglichkeit, die Entscheidung zwischen Abriss und Aufwertung von leerstehenden Gebäuden zugunsten eines bewusst gewählten und gestalteten „In-den-Schlaf-Versetzens“ zu vertagen. Ziel der Dornröschenstrategie ist es, Räume vorübergehend aus unserer Wahrnehmung fallen zu lassen und sie mit einer baulichen beziehungsweise diskursiven „Dornröschenhecke“ zu umgeben, die ein späteres Erinnern, Wiedererwecken und Neubestimmen städtischer Potenziale erlaubt.

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Die Dornröschenstrategie setzt sich aus folgenden Schritten zusammen:

1. Das Gebäude

Ein Gebäude oder eine Fläche, für die auf absehbare Zeit keine oder keine wünschenswerte Nutzung mehr gefunden werden kann, wird als Alternative zu spekulativer Sanierung oder Verfall und Abriss „in den Schlaf” versetzt

2. Der hundertjährige Schlaf

Das „In-den-Schlaf-Versetzen“ unterscheidet sich von gewöhnlichen Stilllegungen durch eine begleitende Schutz- und Kommunikationsstrategie.

3. Die Dornenhecke

Durch den Dornröschenschlaf wird ein Gebäude auf unbestimmte Zeit dem Zugriff von Nutzungsinteressenten und Neugierigen entzogen. Eigentümer und Verantwortliche werden ihrerseits von bestimmten Pflichten entlastet. Dornröschenräume bleiben physisch im Stadtraum präsent und der Imagination wie der Erinnerung der Bewohner verfügbar.

4. Die Wiedererweckung

Das Dornröschenprinzip sieht vor, dass die „schlafenden Räume“ wiedererweckt werden können. Es ist Teil der Strategie, festzulegen, unter welchen Rahmenbedingungen die Reaktivierung möglich werden kann.

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Die Dornröschenstrategie ermöglicht es, Zeit zu gewinnen, Räume vorzuhalten, loszulassen und abzuwarten. Die Entscheidung zwischen „wert“ und „unwert“ wird vertagt. Das Unbestimmte, Ungeordnete, Namenlose, Unsichtbare, Andere in der Stadt wird ausdrücklich zugelassen und durch die Etablierung einer eigenen Ordnung sogar geschützt.